Die Auserwählten. Generationen Archiv
Seit 1984 veranstaltet die Videonale in Bonn alle zwei Jahre ein internationales Festival für zeitgenössische Videokunst, bei dem sich Künstlerinnen und Künstler mit ihren aktuellen Videoarbeiten bewerben können – alle zwei Jahre reichen bis zu 1.400 KünstlerInnen ihre Arbeiten ein, die von einer Fachjury gesichtet werden. Diese wählt aus den Einreichungen ca. 40 Arbeiten aus, die anschließend im Kunstmuseum Bonn gezeigt werden, in diesem Jahr vom 26. März bis 26. April.

Erstes Informationstreffen mit SeniorInnen im SeniorenMedienForum Bonn
In den 25 Jahren des Festivals ist folglich ein beträchtlicher Fundus an Bild-, Ton- und Dokumentationsmaterial herangewachsen, der nun nicht mehr im Keller der Videonale lagern, sondern der Öffentlichkeit in Form eines Archivs zugänglich gemacht werden soll. Das Besondere dabei ist, dass der Prozess der Archivierung nicht hinter geschlossenen Türen stattfinden soll, sondern, dass unterschiedliche Personen verschiedener Generationen und kultureller und sozialer Hintergründe, die keine Video- oder MuseumsexpertInnen sind, eingeladen werden, an Entwicklung und Aufbau mitzuarbeiten. Das Vermittlungsprojekt zur Videonale 12 geht einen ersten Schritt in diese Richtung. Es ist so konzipiert, dass, die Teilnehmenden ihr spezifisches Wissen und ihre Wünsche ermitteln und in den Prozess der Entwicklung des Videonale-Archivs einbringen können. Die Idee dabei ist, mit dem Videoarchiv nicht eindimensional ein unbekanntes Publikum anzusprechen, sondern multidimensional Wissen mit und durch möglichst unterschiedliche NutzerInnen herzustellen und dieses dialogisch in das Archiv mit aufzunehmen.
Zentral für die Erschließung der in Archiven versteckten Erzählungen und Bilder steht die Frage nach dem Auswählen: Was wird von wem ausgewählt, um in Archiven bewahrt zu werden und warum? Und welche Formen des Zugangs ermöglicht ein Archiv für welche NutzerInnen? Was kann ich aus einem Archiv erfahren?

Jugendliche und SeniorInnen betrachten gemeinsam Mappen aus dem Kunstunterricht
DIE AUSERWÄHLTEN – Generationen Archiv Videonale findet von September 2008 bis Juli 2009 statt. Innerhalb dieses Projektes arbeiten Jugendliche der 11. Klassen der Bertolt-Brecht-Gesamtschule, Bonn Tannenbusch sowie SeniorInnen im Alter von 55- 80 Jahren aus dem Stadtgebiet mit Tasja Langenbach, Projektleiterin der Videonale und der Kunstvermittlerin Birgit Bertram (Bonn/Maastricht) zusammen.

Frau Schäfer beim Flamenco-Tanz mit selbstgebasteltem Konstüm: fiktive Ergänzung des eigenen Fotoachivs.
Die TeilnehmerInnen erarbeiteten ihre eigenen Positionen und Herangehensweisen, indem sie zunächst über die eigene Erinnerung und ihre persönlichen Archive miteinander in Austausch getreten sind und anhand von künstlerischen Archiven diese Auseinandersetzung vertieft haben. Im Anschluss daran erforschten sie gemeinsam den Verein und das Videonale Archiv. Dabei wurde mit Fotografie, Zeichnung, Collage und Text gearbeitet. Aufbauend darauf wurde mit professioneller Begleitung von Florian Hofmann von vogelheim.tv ein eigenes Video erstellt. In dem Video noriko.manga geht es um die Suche einer Schülerin nach einer historischen Manga-Zeichnung in einem von SeniorInnen bewachten Archiv in einer voll digitalisierten Zukunft. Ein Stromausfall und eine Heidi-DVD spielen eine Rolle, sodass sie schließlich ihr Ziel erreicht.
Das Video wurde zusammen mit den im Laufe des Projekts entstandenen Materialien in der Videonale- Ausstellung im Kunstmuseum Bonn in einem von den TeilnehmerInnen selbst gestalteten Display präsentiert und zusammen mit den BesucherInnen weiter diskutiert. Zur Finissage der Videonale 12 wurde das Projekt von den TeilnehmerInnen im Auditorium des Kunstmuseums dem Publikum vorgestellt und das Video zum ersten Mal auf Großleinwand präsentiert. Im Anschluss an die Ausstellung werden die Ergebnisse von allen Beteiligten für eine Broschüre aufgearbeitet und die im Laufe des Projektes gesammelten Materialien feierlich dem Videonale-Archiv übergeben.
Während der Videonale 12 fanden zwei weitere Workshops, die einzelne Aspekte des Archivierens beleuchteten, mit den KunstvermittlerInnen Katharina Dietz und Birgit Bertram statt. In Zusammenarbeit mit dem Bonner Kunstverein ging es unter dem Titel: Von Schweineställen und Spießerbuden – ein Workshop zum suchen und gefunden werden um verschiedene Formen der Ordnung und Unordnung. Jugendliche des Bonner Haus der Jugend und SeniorInnen aus verschiedenen Mehrgenerationenwohnprojekten diskutierten in Auseinandersetzung mit der Kunst u.a. ob Ordnung tatsächlich eine Frage des Alters ist. Im Workshop Der Wert der Dinge – ein Workshop über das Bewahren und Wegwerfen setzten sich verschiedene SammlerInnen aus dem Bonner Stadtgebiet mit den Gründen des Bewahrens, anhand der eigenen Sammlungen als auch der Videokunst in der Videonale 12, auseinander.
Darüberhinaus fand während des Videonale Festivals am 27.März 2009 ein Symposium zum Thema „Open Archive – Grenzen und Möglichkeiten von partizipativen Archivprozessen“ statt, zu dem verschiedene ExpertInnen eingeladen wurden, besonders vor dem Hintergrund von web 2.0, die Forderung nach einer Demokratisierung in Bezug auf Autorschaft, Auswahlprozesse und Zugänglichkeit zu diskutieren.
Kontakt:
Tasja Langenbach (Projektleiterin Videonale 12) und Birgit Bertram (Kunstvermittlerin)
Videonale e.V. im Kunstmuseum Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 2
53113 Bonn
T +49 (0)228/69 28 18
F +49 (0)228/90 85 81 7
langenbach (at) videonale.org
birgitbertram(at)undgretel.org
Mehr Informationen: www.videonale.org
Bei Interesse an der Projektbroschüre und/oder der DVD mit dem Video noriko.manga inkl. weiterem Dokumentationsmaterial, können Sie sich gerne an Tasja Langenbach oder Birgit Bertram wenden.